Über Leselemminge

Paare, wie in einem Edward-Hopper-Gemälde, die Blicke zufällig aufeinander treffend, wenn sie mal nicht auf das Mobile starren, und kein Wort, kein Satz zu hören, man hat sich nichts mehr zu sagen – warum auch, steht doch alles auf dem Display. —Julia Parisani ¶ Der Irrwitz und die Tragödie unserer Welt liegen verborgen in der Menge des Geldes, die uns täglich umflutet, Banken beflügelt und die Börse berauscht. Wenn sich diese Menge ins Unendliche ausdehnen lässt – wie wir staunend beobachten –, wenn zudem die Bedürfnisse des Menschen potenziell ebenso unendlich sind wie seine Ideen und sein Gewinnstreben, die irdischen materiellen Ressourcen unserer Erde aber begrenzt sind, muss diese Konstellation nicht zwangsläufig zu einem Kollaps führen? —Parker Adams, Ironie des PunktumsDrücken Sie den Warumboxknopf – jetzt. ¶ Wenn die Vielen das gleiche Buch lesen, folglich eine Massenware, ein Geschäft, Konsum aus ihrem kollektiven Lesen machen, wer wollte da noch von Stil, Anspruch oder literarischem Geschmack reden? Diese Leselemminge unterliegen einer systemischen, clever eingefädelten Konditionierung eines umfassend agierenden Buchproduktionsbetriebs: von Autoren, die, in speziellen Kreativschulen ausgebildet, massenkompatible Figuren, Plots, Szenen und Gefühle formulieren, von auf Absatz getrimmten Lektoren, von Hype organisierenden Marketiers, von präparierten Feuilletonisten und Kritikern, schließlich von einem Buchhandel, der gerne alles verkauft, was sich reißerisch auf breiten langen Tischen hoch stapeln lässt. —Bodo Wortsinn, Kreativität ist ein Nichtwert ¶ Er wiederholte sein Credo von der Vorläufigkeit allen Wissens. Dann verließ er den Zeitraum. ¶ An jede Woche zwingend einen Schlusspunkt setzen. ¶ Nicht das momentane Wie bringt eine Sache auf den Punkt, sondern das dauerhafte Warum. ¶ Soziale Netzwerke sind das Nikotin der Informationsgesellschaft: Sie machen abhängig, abhängig von vermeintlicher Information. —Klaus Trofob

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 27. September 2016.


 

Wahrheit macht brotlos

Management bedeutet das Aufrechterhalten von Routinen. ¶ Wir leben in einer Gesellschaft der Angst. Zeit für die Therapeuten, eine Gesellschaftsaufstellung vorzunehmen. —Klaus Trofob ¶ Während die einen das geistige Eigentum als unzeitgemäß abschaffen wollen, schauen die anderen auf ihr Jahreshonorar von € 29,42. ¶ Die drei Dimensionen eines Satzzeichens sind (nach Adorno): Geste, Gestalt und Bedeutung. ¶ Es war, wie wenn man nachts um Drei aus einer Disco herauskommt und plötzlich mitten in der Stille der Straße steht. Um einen herum ist sternenklare Nacht, die Stille durchdringt alles, und der Lärm fällt von einem ab. ¶ Politik ist nichts weiter als ein öffentlicher Verräterclub: zu feige, die Wahrheit zu sagen, zu stolz, Fehler einzugestehen, zu ignorant, Probleme zu erkennen, zu versessen, die nächste Wahl zu gewinnen.Cord von Rettmer, Welt ohne Ziel ¶ Mit der Wahrheit lässt sich einfach kein Geld verdienen. Der Kapitalismus fördert den Betrug. Das macht ihn so erfolgreich. ¶ Ich ordne meine Bücher überhaupt nicht, ich weiß nur ungefähr wo sie sich befinden. Ich habe keine Methode. Was ich bräuchte, das ist eine Art literarische Propriozeption, ein psychisches Talent, das mir allerdings fehlt. —Alberto PassiniCuriosi oder virtuosi nannte man im 17. Jahrhundert jene über ganz Europa verstreuten Liebhaber, die ihrer Leidenschaft nachgingen und sich für Pioniere des modernen Forschungsgeistes hielten. ¶ Papiergeld ist zugleich eine creatio ex nihilo – also fast schon moderne Kunst. —René Scheu

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 25. September 2016.


 

Bei Madame Schopenhauer

Endlichkeit können wir uns genauso wenig vorstellen wie Unendlichkeit. ¶ Im Autoporträt […] handelt [es] sich um visuelle und textuelle Selbstdarstellungen, die durch einen hohen Grad an Autoreflexivität und Intermedialität gekennzeichnet sowie durch »gemeinsame anthropologische und epistemologische Fragestellungen verbunden« sind. —Stephanie Bremerich ¶ Dank Erneuerbaren Energien ist die Stromproduktion insgesamt in Deutschland billiger geworden. Aber die daraus eigentlich logischerweise folgende Preissenkung, die wird nicht an die normalsterblichen Verbraucher weitergegeben, sondern die wird mit dem Wälzungsmechanismus nur bestimmten großen Verbrauchern zugewälzt, die sonst angeblich gar nicht existieren könnten, wenn sie die normalen Preise zahlen müssten. —Julian Aicher ¶ Abends zu Madame Schopenhauer, Goethe sehr lustig und spasshaft über Blaubarts Märchen. —Johann Peter Eckermann ¶ Nicht nur der erste Koitus mit dem Weib ist tabu, sondern der Sexualverkehr überhaupt, beinahe könnte man sagen, das Weib sei im Ganzen tabu. […] Vielleicht ist diese Scheu darin begründet, dass das Weib anders ist als der Mann, ewig unverständlich und geheimnisvoll, fremdartig und darum feindselig erscheint. Der Mann fürchtet, vom Weibe geschwächt, mit dessen Weiblichkeit angesteckt zu werden und sich dann untüchtig zu zeigen. —Sigmund FreudWir haben den Schlüssel verloren – wir finden ihn – Hast du ihn? sahst du ihn – wir sind nicht schuldig. Wir kennen euch nicht – Was wissen wir von euch! Der Streit ist unverständlich und dauert eine Ewigkeit.Oskar Kokoschka ¶ Eine Studie besagt, dass man nahezu 2000 Ideen generieren muss, um daraus 500 Grobkonzepte zu entwickeln, 375 Vorstandsvorlagen zu produzieren, 175 marktreife Produkte herzustellen und insgesamt elf Marktrenner hervorzubringen. Über Flops wurde nichts geschrieben.

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 24. September 2016.


 

Für floppende Belletristische

Das Strumpfband mit drei Falten, mit oben zwei Zipfeln zu binden, gibt ein schönes Beispiel der undeutlichen und der deutlichen Erkenntnis wie auch der aus der undeutlichen und deutlichen Erinnerung bestimmten Handlung. —Gottfried Wilhelm Leibniz ¶ Kommunikation I: Ein altes Wort für Gedankenübertragung in Raum und Zeit. II: Das Flüstern, das weiter dringt als ein Ruf. ¶ Das Spiel sei absichtslos. Absichten, die im Spiel entstehen, zerstören es. ¶ Ein vom Staat gesetzlich vorgeschriebener Lebenszwang bedeutet ein kaum zu rechtfertigendes Aufheben der Autonomie des Menschen, ein unerträgliches Bevormunden, ein rigoroses Einmischen und Übergreifen in seine persönliche Lebensgestaltung, nicht zuletzt das brutale Verletzen seiner Würde. —Cord von Rettmer ¶ Könnte nicht wenigstens das Leben absichtslos sein? ¶ Bin ich mehr mit meinem Leben oder mit den Werkzeugen beschäftigt, die mein Leben vereinfachen sollen? ¶ Feminismus: Quoten mit Härteklauseln für Männer. ¶ Internetzeitalter: Zunahme der kollektiven Meinungen, Abnahme des kollektiven Wissens. ¶ Rettungsanker für floppende Belletristische, Lyriker und andere Schreibfiguren: der Krimi. Allerdings: Schreiben sollte man schon können. —Julia Parisani ¶ Lebenslüge: Der gefüllte Terminkalender. ¶ Politik: Uneinlösbare Versprechen zum Jahrmarktstarif. ¶ Trugschluss: Getting Things Done. ¶ Gesellschaft: Die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem. ¶ Twittern: Eine nicht nur Zeichen beschränkte Geisteshaltung. ¶ Warteraum: Abkühlphase für frisch gebrühten Tee. ¶ »Warum gilt das Mehrheitsprinzip nicht auch für die schweigende Mehrheit?« – »Weil die Mehrheit ohnehin sprachlos ist.« ¶ Referentialität, Gemeinschaftität und Algorithmizität sind die charakteristischen Formitäten der Kulturizität der Digitalität. —Klaus Trofob

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 20. September 2016.


 

Der Codesprecher

Das Erzeugen einer Idee bedeutet das Aktivieren des Interesses unter Gesichtspunkten des Nachdenkens einerseits und drohender Interesselosigkeit andererseits. Eine Idee verlangt auf einen Moment ein Reizwort, einen visuellen Reiz oder einen Ton. Jede derart wahrgenommene Position muss zu einem Gedanken komprimierbar sein, auf anderes verweisen, das seinerseits auf anderes verweist, so dass nach Absolvieren des gedanklichen Parcours die Frage im Raum unbeantwortet stehen bleibt: »Wohin wollte ich eigentlich denken?« —Hillerich Saffan ¶ Bürolandschaft – was für ein Zynismus. ¶ Dort hält »Zuck« Hof. Es ging das Gerücht um, es sei schusssicher. Er spricht kurz und abgehackt, schnörkellos, sehr direkt. Er spricht so, wie man Code schreibt. —Antonio García Martínez ¶ Make an impact! Go fast and break things! Done is better than perfect. Get in over your Head. —Facebook ¶ Heute bedeutet Freizeit nicht mehr Muße und Ruhe, sondern Vorbereitung auf den Wettbewerb von Morgen. —Parker Adams ¶ Win-win hat nichts, rein gar nichts mit Wein zu tun. ¶ Politik ist auch immer Interessenspolitik und damit Verteilungspolitik. Und je mehr Menschen es gibt, die in relativer Misere leben und das Gefühl haben, um ihr Glück betrogen worden zu sein und die sich gleichzeitig politisch im Stich gelassen fühlen, desto größer ist die Gefahr, dass sie rechtspopulistisch wählen. —Robert MenasseNeues Password gefällig? Heute im Angebot: Kennwort mit semantischer Syntax, leicht merkfähig, supersicher, macht auch noch Spaß ≡ 3Afu1KkN – Drei Affen fliegen über 1 Kuckucks Nest. ¶ Die deutsche Geschichte in nur fünf international verständlichen Wörtern: Blitzkrieg, Kindergarten, Zeitgeist, Angst, Willkommenskultur. —Cord von Rettmer

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 18. September 2016.


 

Wittgensteins Problemkomplex

Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. —Wittgenstein, TLP 6.521 ¶ Passt nicht zusammen, funktioniert nicht, wird es nie geben: fettarmer Schlagrahm. ¶ Erfindung: Ein Duschgel, das beim Duschen farbenfrohe, lustig schwebende Wörterbläschen in die Luft freisetzt. ¶ »Du meinst die Sorte, die freitags ihre Koffer packt, ihren illegalen Schnaps einkauft und dann zu einem wilden Wochenende aufbricht?« ¶ Wer in der Weltgesellschaft auffallen will, muss eine »globale Kategorie« werden. Der kategorische Imperativ des Netzes lautet daher: Individualisiere dich derart, dass deine Individualität ein Maximum an Vernetzungsmöglichkeiten bietet. —Parker Adams ¶ »Wir Menschen stehen den Maschinen doch nur im Weg. Lasst uns woanders hingehen.« ¶ Ich habe die unerbittliche Traurigkeit der Bleistifte gekannt … —Theodore Roethke ¶ Wer bereit ist, kostenlos zu arbeiten, bescheinigt ungewollt, dass er von seiner Arbeit nicht überzeugt ist. ¶ Daß es einfach blöde ist, Merkel vorzuwerfen, sie habe mal wieder ihre Überzeugung verraten. Das hat sie nicht. Sie kann es nicht. Sie hat keine. —Hermann L. Gremliza ¶ Crowdworking: Das schönste Design bitte zum Nulltarif. Kreativ, spekulativ, lukrativ. —Jo Palisot ¶ Smartphone I: Dieses leere Ding in sich, das für immer leer bleibt, das uns die Einsamkeit vertreibt, in der U-Bahn, im Auto, im Bett. – Smartphone II: »homo symbolicus« – Der Mensch als digitales zeichenfähiges Wesen. ¶ New Work: Nicht nur um des Geldes willen arbeiten; die ganze Persönlichkeit, das Individuum soll in nichts anderem als Arbeit aufgehen. ¶ 179,4 Millionen $ für ein relativ unbekanntes Bild – der Irrsinn hat nicht nur Methode, er hat auch ein Motiv. —Klaus Trofob

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 16. September 2016.


 

Balzacs Antiidylle

Man kann, um nur eins zu nennen, auf Benjamins Passagenwerk verweisen, der da sagt: »Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.« ¶ Wir haben längst akzeptiert, dass Gesellschaften Märkte sind, Arbeitende Laufzeitobjekte und das Bruttosozialprodukt der wichtigste Wertindikator eines Landes. —Alberto Passini ¶ Der Kult der Meinung ist wie der Kult der Mode. Meinungen sind heilig, Kritik ist verpönt. Alles ist erlaubt. Kombinieren Sie, wie es Ihnen beliebt. Ignorieren Sie die Fakten – sie sind ohnehin fragwürdig. Verlassen Sie sich nur auf eines, auf Ihr Bauchgefühl, das verlässt Sie nie. —Parker Adams ¶ Die schönste List des Teufels ist, daß er uns überzeugt, er existiere nicht. —Charles Baudelaire ¶ Ein Pariser Buchhändler war von dem noch jungen Honoré de Balzac hellauf begeistert. Er wollte ihm 3000 Francs für seinen nächsten Roman bieten. Als er die Adresse des Autors in einem Scherbenviertel erfuhr, reduzierte er sein Angebot auf 2000 Francs. Nachdem er das Haus gesehen hatte, wollte er nur noch 1500 Francs bieten. Als er die Treppen erklomm und schließlich die schäbige Dachkammer sah, in der Balzac gerade ein altes Brötchen in ein Glas Wasser tunkte, gab er schließlich sein Angebot ab: 300 Francs. ¶ Das Idyll steht der Realität konträr entgegen. —Hillerich Saffan ¶ Der moderne Mensch will keine Zukunft, er will nur Gegenwart – gut, vielleicht noch einen vollen Kühlschrank dazu. —Klaus TrofobDas wesentliche Merkmal der freiberuflichen Tätigkeit zur Abgrenzung gegenüber der gewerblichen Tätigkeit ist die unmittelbare, persönliche und individuelle Arbeitsleistung des Freiberuflers.Finanzamt ¶ Ich erhielt soeben diese E-Mail: »Vielen Dank für Ihre Frage. Ich glaube, wir brauchen keine Fragen.« Ich hatte gar nicht gefragt. ¶ In absehbarer Zukunft wird ein Großteil der Menschen keine Aussicht auf Arbeit haben. Prüfen Sie schon heute, ob Sie vielleicht bald zum menschlichen Überschuss gehören werden. Und lesen Sie dann unsere nützlichen Tipps zur Entsorgung. —No Future

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 13. September 2016.


 

Bildung, Innovation, Wohlstand und ein Irrtum

Kennen Sie die wichtigsten Wörter, die zum Jargon eines Unternehmensberaters gehören sollten? Es sind dies: Bildung, Innovation, Wachstum und Wohlstand. Man beachte auch die Reihenfolge. Daraus lässt sich ein logisch klingender ökonomischer Dreisatz generieren, der sich beim genaueren Hinsehen im Ergebnis als Irrtum herausstellt.

Anfang 2010 las ich in der ZEIT1 von einem Dreisatz der besonderen Art. Es schien, als hätte noch niemand die Richtigkeit dieses Dreisatzes überprüft oder hinterfragt, erschien er doch den Lesern zu elegant und wirkungsversprechend. Ich nannte ihn »Kluges ökonomischer Dreisatz«, denn er stammt von Jürgen Kluge, einem Unternehmensberater und ehemaligen Direktor der Beratungsfirma McKinsey. Dieser Dreisatz, den Kluge anscheinend gerne wie ein Mantra wiederholte, ist auch noch heute aktuell in seiner Verwendung im Jargon der Berater und Wirtschaftsweisen, weshalb ich meine damaligen Überlegungen, leicht überarbeitet, hier wiederhole.

Die Triade lautet:

»Bildung bringt Innovation.
Innovation garantiert Wachstum.
Wachstum sichert Wohlstand.«

Hört sich dieser Dreisatz nicht absolut logisch und vertraut an? Verwenden ihn nicht die Politiker und Wirtschaftsfachleute jeden Tag? Folgt die geschickt aufgebaute Reihung der Wörter, eine Anadiplose, nicht wie eine durchgängige und einleuchtende Tatsache? Lassen Sie uns die auf den ersten Blick völlig unmathematische, drei Sätze lange Aussage einmal näher betrachten.

Bildung bringt Innovation.

Widmen wir uns zunächst der Bildung. Bildung erscheint hier als Faktor. Wir fragen: Welche Bildung ist gemeint? Denkt Kluge an Schulbildung, Herzensbildung, Meinungsbildung, Willensbildung oder Wissensbildung? Bildung, so können wir in einschlägigen Werken nachlesen, bezeichnet das Lernen als Formung des Menschen im Hinblick auf sein »Menschsein«. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von »Elementarkompetenzen«, die im Symbol des Bildungsdreiecks »Denken, Kommunizieren und Wissen« dargestellt werden. Zur Bildung gehört, so erfahren wir weiter, ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu Anderen und zur Welt. Mit etwas Abstand betrachtet, erkennen wir in dieser Auflistung mehr eine pädagogische und philosophische, weniger eine ökonomische Bedeutung des Worts.

Der erste Satz im klugeschen Dreisatz impliziert, dass Innovation das Resultat von Bildung sei. Diese Annahme ist, sowohl von mathematischer als auch von sachlicher Seite betrachtet, fehlerhaft: Es fehlen nämlich weitere Faktoren, mindestens jedoch ein gewichtiger Multiplikator.

Bildung kann ein Ausgangspunkt für Innovation sein; Bildung allein führt keinesfalls geradewegs zu Innovation. Ausbildung hilft da vielleicht schon eher. Eine Innovation steht am Ende eines mitunter recht mühsamen, aufwändigen Prozesses. Auf der langen Wegstrecke sind viele Hürden zu passieren. Eine solche Hürde kann beispielsweise ein Mangel an angewandter Kreativität sein. Kreativität ist nicht Bildung, auch nicht das Ergebnis derselben. Kreativität kann nur dann zu einer Nutzen bringenden Entfaltung kommen, wenn die richtigen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Kreativität verlangt nach einem Umfeld, in dem ein unabsichtliches, impulsgesteuertes und intuitives Denken und Handeln möglich ist. Stressfreie Denk- und Zeiträume, Muße zum Nachdenken und Tagträumen, lösungsorientierte Dialoge inklusive.

Innovation garantiert Wachstum.

Was bedeutet Innovation? Innovation steht wörtlich für »Neuerung« oder »Erneuerung«. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff unspezifisch im Sinne von neuen Ideen und Erfindungen und deren wirtschaftlichem Umsetzen verwendet. Das Suchen nach neuen Erkenntnissen oder Lösungswegen setzt Neugier und Lust auf Erneuerung voraus. Das Resultat des Umsetzens von Neugier und neuen Ideen kann eine Innovation sein. Oder auch nicht. Eine Zwangsläufigkeit besteht nicht.

Innovation bedeutet das erfolgreiche Umsetzen einer Idee.

Mit seiner Aussage, Innovation garantiere Wachstum, greift der Erfinder des Dreisatzes in die Mottenkiste eines alten, längst wiederlegten Wirtschaftsmythos. Dieser suggeriert einen Automatismus, den es noch nie gegeben hat und auch nicht geben kann. Garantien werden – mit Ausnahme von staatlichen Institutionen aus besonderen Anlässen – in unserem Wirtschaftssystem nicht verteilt. Jeder handelt auf eigenes Risiko. Zwar versuchen der Staat und findige Unternehmen, immer mehr Risiken auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Das bestätigt indirekt nur, dass wahre Innovation kein allzu leicht spielendes Spiel ist. Innovation bedeutet zwingend wirtschaftlichen Erfolg, ansonsten wäre es keine Innovation per definitionem. Das sollte ein Unternehmensberater eigentlich wissen.

Kann, ja, darf Wachstum überhaupt das alleinige Ziel von Innovation, auch von Bildung sein? Wie sieht es mit dem Raubbau an den »Lieferanten« Natur und Mensch aus? Muss Innovation heute nicht eher darin liegen, Bedingungen zu (er)schaffen, die unser Leben und Überleben weiterhin ermöglichen? Das kann sich durchaus im Wachstum einzelner Branchen niederschlagen. Doch Wachstum kann nicht das allgemein gültige Mittel zum Zweck des wirtschaftlichen Erfolgs sein, unendliches Wachstum schon gar nicht. Permanentes Wachstum führt zur Instabilität, das besagt ein unumstößliches Naturgesetz. Kein Baum kann unendlich weit in den Himmel wachsen. Das sollten wir heute, nach einer immer noch nicht überwundenen Finanzkrise, erst recht erkennen. Wer als Berater seinen Klienten von Garantien erzählt, die ihnen ein automatisches Wachstum bescheren, macht sich verdächtig, wenn nicht unglaubwürdig.

Wachstum sichert Wohlstand.

Die Frage, die mir bei diesem letzten Satz prompt in den Sinn kam, lautete: Cui bono? – Wem nützt es? Angenommen, Wachstum durch Innovation würde für Wohlstand sorgen: Sicherte das Wachstum dann den Wohlstand einzelner Unternehmen, den der Anteilseigner, den der Arbeitenden oder der Gemeinschaft im Allgemeinen? Wer ist die wahre Zielgruppe für einen derart generierten Wohlstand?

Rückblicke in die Vergangenheit des Imperium Romanums oder ins moderne China zeigen, dass wirtschaftliches Wachstum meist nur den Wohlstand einer sehr kleinen Minderheit berührte. Zwar schuf im alten Rom der luxuriöse Lebensstil dieser Wenigen ein gewisses Wachstum in Gewerbe und Handel, die dadurch regelrecht florierten – denken wir an das Kunsthandwerk, das eine Blütezeit erfuhr. Doch von einem Wohlstand, der sich flächig in der Gesellschaft ausbreitete, kann nicht die Rede sein. Ähnlich im heutigen China: Hier bildete das dynamische Wachstum der vergangenen Jahre nicht die Grundlage eines breiten Wohlstands, der in buchstäblich jedem Winkel des Landes spürbar wird. Im Gegenteil: Das immer mehr Überhand nehmende Wuchern der industrialisierten Megastädte geht einher mit negativen Auswirkungen in vielfältiger Hinsicht: von der Landflucht, die nur die Alten und Gebrechlichen in den Provinzen zurücklässt, bis hin zu Problemen der Umwelt und Urbanisierung, welche die physische und psychische Gesundheit der Bevölkerung in beträchtlichem Maße in Mitleidenschaft ziehen.

Und in unserer modernen westlichen Welt, wie sieht es hier aus? Auch hier »garantiert« das wirtschaftliche Wachstum – wenn es denn stattfindet – längst nicht einen Wohlstand für Alle. Wenige profitieren, sehr, sehr viele gehen leer aus. Die Berichte über die wachsende Ungleichheit in den Einkommen zeigen es nur zu deutlich. Eines dürfte inzwischen vielen Menschen klar geworden sein: Auch wer die idealen Voraussetzungen im Sinne einer Wissensbildung erfüllt, genießt noch lange keinen garantierten Nutzeffekt, der ihm Wohlstand verschafft, geschweige denn sichert.

Die Kausalität von Kluges ökonomischem Dreisatz erweist sich deutlich als Irrtum. Der als »messerscharfer Analytiker«2 titulierte Physiker sollte vielleicht noch einmal nachdenken.

Originaltext von Joachim Zischke | 12. September 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.

Referenz

1 Kerstin Bund: Sein zweites Leben. In: Die Zeit, Nr. 1, 30.12.2009.
2 Andreas Nölting: Der messerscharfe Analytiker. In: Manager Magazin, 26.06.2003. Online am 12.09.2016.


 

In No Man’s Land

Sie habe angefangen zu schreiben, um ein bestimmtes Ziegelrot an einer Mauer festzuhalten, hat Undine Gruenter einmal erklärt. ¶ In unserer psychologischen Veranlagung gibt es nichts, was robust genug wäre, die Entwicklungen unserer technologischen Fähigkeiten zu kompensieren. —Alain de Botton ¶ Man ist es seiner Gesundheit schuldig – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald soweit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe. – Nun! —Friedrich Nietzsche ¶ Jeder Mensch besitzt eine auf der Gerechtigkeit basierende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohls der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann. —John Rawls ¶ »Ich beginne nie mit Figuren. Ich beginne mit einer Situation, einem moralischen Fehler, und dann versuche ich herauszufinden, mit wem was geschieht.« ¶ Dabei ist N ein höchst attraktiver Schriftsteller, ein quicker Geist, eine agile Feder, ein präziser, witziger Formulierer. Gebildet, wohlwollend und weltgewandt. ¶ Dieser Raub ist möglich geworden, weil große IT-Unternehmen die Nutzerdaten im No Man’s Land des Internets mangels Widerspruch als ihre eigenen deklarieren konnten. Die neoliberalen Euphemismen wie »kreative Zerstörung« und »disruptive Technologien« haben bei der Tarnung dieser Unternehmen ganze Arbeit geleistet. ¶ Sie basiert auf einer soziologischen Theorie, die besagt, je weniger ich als Institution die Probleme löse, die mir anheimgegeben sind, umso länger existiere ich. ¶ Die Erziehung als Kultivierung des Spiels im Sinne eines zweckfreien, rein theoretischen Zugangs zur Welt inszenieren. —Friedrich Fröbel ¶ Rankings ermöglichen den unmittelbaren Vergleich von mehr oder weniger Unvergleichbarem, indem sie ihre Objekte vom konkreten Kontext isolieren und in Zahlenwerte transformieren. Zahlen sind verführerisch, weil sie Dinge vereinfachen, und praktisch, weil man sie nicht übersetzen muss. ¶ Ned g’schimpft is g’lobt gnua.

Leseschnipsel editiert von Joachim Zischke am 10. September 2016.


 

Von geheimen stillen Leseorten und ihrem Vermarkten

Good Books for Serious Fun« lautet das Motto des amerikanischen Verlags Menasha Ridge Press. Sein Spezialgebiet ist Outdoor: Natur, Wildnis, Tiere, Vögel, Wasserfälle, auch Hikes und Trails, wie der berühmte Appalachian Trail. Überrascht hat mich im Katalog die Buchserie Peaceful Places – stille Orte. Die großen Städte der USA, wie Boston, Chicago, Los Angeles, New York City und San Francisco gehören bereits zur Serie.

Für New York City werden beispielsweise 129 ruhige, besinnliche Orte aufgeführt: vom Aquatic Garden in der Bronx, über den Astor Court im Metropolitan Art Museum bis zur Rockaway Beach nördlich von 70th Beach Street. Jede Lokalität fällt in eine der elf möglichen Kategorien:

Enchanting Walks · Outdoor Habitats ·
Reading Rooms · Spiritual Enclaves ·
Historic Sites · Parks & Gardens · Scenic Vistas ·
Urban Surprises · Museums & Galleries ·
Quiet Tables · Shops & Services

Wer von uns würde sich nicht über eine ruhige und stille Umgebung zum Lesen, Nachdenken oder Tagträumen in der Stadt freuen? Wohl jeder. Wir brauchen solche Orte mehr denn je. Aber sollten diese sorgsam gehüteten Plätze, diese Verstecke und Oasen, das Abseits von Lärm und Hektik – ja, müssen diese Stätten detailliert in Buchform veröffentlicht werden, mit Anfahrtsskizze, Text, Bus- und U-Bahnhalteplätzen? Was würde mit diesen Orten geschehen, wenn hunderte, gar tausende von Buchkäufern sie begeistert aufsuchten?

Ein Dialog

»Ja, natürlich«, höre ich jemanden sagen. »Möglichst viele Menschen sollten in den Genuss dieses Wissens kommen, so dass sie davon profitieren können.« – »Sagten Sie profitieren? Handelt es sich beim Genuss von Muße um ein Geschäft?« – »Sie haben mich falsch verstanden. Es geht hier nur um das Wissen, und um sonst nichts.« – »Wissen ist nie umsonst. Es kostet immer etwas, wenn nicht Anstrengung, dann Geld. Auch das Wissen über das ruhige Plätzchen kostet. In unserem Fall könnte man sagen: Es kostet Buchgeld.« – »Sie mögen recht haben. Dass die Leute von den stillen Orten erfahren sollten, darüber sind wir uns doch einig, oder?« – »Einverstanden.« – »Gut. Dann die Frage: Wie sollten die Leute von den Orten erfahren, wenn nicht durch ein Buch? Haben Sie denn eine andere Lösung?« – »Man könnte es wie der feine Verlag Kein & Aber in Zürich machen.«

Der Lesestadtplan

Der amerikanische Neurologe Wilder Penfield schrieb in Bezug auf das Wissen über neuronale Signale: »It is easier to say where than it is to explain how«. Um das Wo zu bestimmen schreibt man ein seitenlanges Buch – oder zeichnet eine Karte. Ein Kartenobjekt wirkt auf zwei Ebenen: Zum einen visualisiert es die geografischen, landschaftlichen oder baulichen Gegebenheiten. Zum anderen dient die Karte als Metapher für das Erkunden von Gedanken, von Gedankenlandschaften. Das sich daraus entwickelnde »kartographische Denken« – das Wie – hilft uns, Dinge, die wir nicht festhalten, vielleicht auch nicht benennen können, greifbar, teilbar, mitteilbar zu machen. Ein Stadtplan visualisiert demnach nicht nur das Räumliche – Straßen, Wege und Gebäude –, sondern auch das Wo und Wie: Wo liegt ein bestimmter Ort, wie gelange ich dorthin.

Kein & Aber, der Verlag in der Züricher Bäckerstraße, hatte die Idee, seine Buchleser zu ihren außergewöhnlichen Leseorten zu befragen. Herausgekommen sind wunderschön gezeichnete Lesestadtpläne größerer Städte, welche die privaten Leseorte zeigen: eine Fensterbank der Bibliothek Albertina in Leipzig, ein Steinpoller auf der Admiralbrücke in Berlin, ein Barhocker im Five Elephant, das Palmenhaus im Botanischen Garten in Wien … Die Pläne zeigen die Straßenlinien nur rudimentär; mit gekonnten Strichen gezeichnet und begleitet von einem kurzen Hinweistext, erscheinen die Leseorte als Aufforderung zum Suchen, Erkunden, Entdecken und Ausprobieren.

Das Schöne an diesen Karten: Sie sind in keinem Navi gespeichert. Dass die Buchhändler diese Lesestadtpläne kostenfrei erhalten können, um sie ihren Lesekunden zu schenken, macht die Sache rund.

Originaltext von Joachim Zischke | 07. September 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.

Bibliografie

Wilder Penfield: Speech, perception and the uncommitted cortex. In: Brain and conscious experience. Berlin, Heidelberg, New York, 1966.
Kein & Aber Lieblingsleseorte