Das Buch und seine möglichen Attribute

Abgründig · abwechslungsreich · ambitioniert · atemberaubend · atmosphärisch · außergewöhnlich · bahnbrechend ·

Buchwissen: von Dummköpfen benutzte verächtliche Bezeichnung für jegliches Wissen, das ihre eigene verstockte Ignoranz übersteigt.

begnadet · berührend · bewegend · bezaubernd · bittersüß · brillant · brisant · eindringlich · elegant · facettenreich · federleicht · fesselnd ·

Gelehrsamkeit: aus einem Buch in einen leeren Schädel geschüttelter Staub.

für Leser ohne jede Furcht · fulminant · großartig · herzenswarm · herzerwärmend · mitreißend · nervenaufreibend · originell · packend · prickelnd · provokant ·

Wörterbuch: bösartige literarische Erfindung; hemmt die Entwicklung der Sprache, macht sie steif und spröde.

raffiniert · rasant · schicksalhaft · schnörkellos · subtil · temporeich · umwerfend · unvergesslich · unvorhersehbar · unwiderstehlich · vielschichtig · virtuos · von Familien [Kriminalisten, Singles …] empfohlen · waghalsig.

Originaltext von Joachim Zischke | 28. August 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.

Texteinschübe

Ambrose Bierce: Des Teufels kleines Wörterbuch. Berlin, 1984.


 

Leseschnipsel

Die von Balzac verwendeten Neologismen, die Satzungetüme, die Kalauer, die ›grammatikalischen Verirrungen‹, die Plattitüden, die er freilich wohl ganz bewusst so gesetzt hat … Und bei aller balzacschen Weitschweifigkeit – immer wieder sind da Sätze, so kompakt und stringent, man liest sie staunend, sie enthalten für sich eine ganze Welt. ¶ Montesquieu hat vor Moralisierung der Politik gewarnt: »Es ist nutzlos, der Staatskunst etwa vorzuwerfen, daß sie in Widerspruch zur Moral, Vernunft und Gerechtigkeit steht. Solche Predigten rufen allenfalls allgemeines Kopfnicken hervor, ändern aber niemanden.« ¶ Es war nicht weiter schwierig, sich bei Kerzenschein auf die Kurzgeschichten von Tschechow zu konzentrieren, wenn die einzig mögliche Alternative ein Gespräch mit einem Nachbarn war, der einen zwanzigminütigen Spaziergang weit entfernt wohnte. –Alain de Botton ¶ Absatzformate können sich auch selbst nummerieren. Das ist ein ziemlich mächtiges Feature, im Format-Editor konfigurierbar in der Seite »Aufzählungszeichen und Nummerierung«. Die Nummern kann man später statisch in den Text schreiben lassen, etwa durch eine Menüaktion am Absatzformat-Panel »Nummerierung in Text konvertieren«. ¶ Was ist ein Elefant? Diese Frage wird in einer englischen Satire internationalen Autoren als Thema gestellt. Und so kommen denn auch unterschiedliche Antworten: Der Elefant und wie man ihn erlegt, schreibt der Engländer, Der Elefant und Kants kategorischer Imperativ der Deutsche, Der Elefant und die polnische Frage der Pole, Der Elefant und sein Beitrag zur Vervollkommnung der französischen Sprache der Franzose. ¶ Unsere Zeit ist schnelllebig. Wir erwarten oft nur Rezepte, die möglichst rasch zum Erfolg führen. Was uns aber, gerade im Hinblick auf die Kunst des Lesens, not tut, ist die Besinnung auf das Geistige, die Liebe zur Sache und ein lebendiges Spüren für das im Wort Wirksame. Nur auf diese Weise kommt unsere Zeit über das Zweckhafte der Umgangssprache und deren drohenden Verfall hinaus, wieder zu einer Kultur des Wortes.

These
Hauptfigur oder -figuren
Dreidimensionale Charaktere
Abhängige Gegenspieler
Entwicklung
Orchestrierung
Angriff
Konflikt
Wandel
Krise
Höhepunkt
Auflösung

Aber auch die Politik ist nicht das Wichtigste. Sie ist nur Notwehr. Es gibt immer eine Macht, die das Sagen hat, und wer nicht selbst Politik macht, ist das Objekt der Politik und wird herumgeschubst. Man muss sich dazu verhalten, und dafür gibt es verschiedene Methoden. Man kann der Politik ausweichen, sie konfrontieren, sie kritisieren. Sie zu ignorieren, ist schwierig, wenn der Druck zunimmt. Ignorieren wäre natürlich schön, denn es gibt ja Angenehmeres. – Hans Magnus Enzensberger ¶ Wir messen Entfernungen in der abstrakten Metrik von Zahlen, und nicht in der physischen Metrik von Schritten. Darin äussert sich auch die Verdrängung unseres Körpers aus den Distanzen. Ein fokales Verhältnis zur Distanz zu entwickeln, bedeutet daher umgekehrt, dass wir sie mit unseren Füssen messen. Und auf diese Weise können wir, wenn wir nur wollen, eine Intimität der Entfernung zurückgewinnen, die ja eigentlich jedem Spaziergänger und Wanderer vertraut ist. –Eduard Kaeser ¶ In der Demokratie ist das Urteilen das höchste Privileg des ohnmächtigen Souveräns. Außerdem: wer unentwegt urteilt, von dem wird ja keine bohrende Nachfrage zu befürchten sein. –Botho Strauß ¶ Ihr gebt vor, mich durch Vernunft und nach Regeln der Kunst glücklich zu machen. Ihr müsst mich folglich nach Kunstregeln neu schaffen. –David Hume ¶ Wahr ist, dass eine soziale Marktwirtschaft, keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat, kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen, kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist. –Friedrich von Hayek


 

Buchdialoge /j-z

j.

»Was meinen Sie: Sollte ich mich mehr mit der Buntschriftstellerei befassen?« – »Warum nicht: Bunte Geschichten liest doch jeder gerne.«

k.

»Was bedeutet eigentlich Tsundoku«? – »Das ist japanisch und heißt: Ein Buch nach dem Kauf ungelesen lassen und es auf die anderen ungelesenen Bücher stapeln.« – »Das werde ich ausprobieren.«

l.

»Eine Buchhandlung mit Kaffee und Croissants und Muffins, das ist doch kein Kaffeehaus.« – »Sie haben recht: Die Literaten fehlen.«

m.

»Was ist Open Access? – »Open Access ist versteckter Informationskapitalismus.«

n.

»George Bernard Shaw meinte, wir sollten Bücher nicht nur lesen, sondern auch anschauen.« – »Das setzt natürlich voraus, dass es gut gemachte Bücher gibt.«

o.

»Bücher müssen sterblich sein.« – »Warum das denn?« – »Würden Sie ein keramisches Buch besitzen wollen?«

p.

»Im Buch(un)wesen gilt als unverkäuflich, was kein Roman ist. Wer einmal mit einem Buch floppte, ist raus aus dem Verlag. Dumm gelaufen.« – »Aber nicht doch: Go Selfpublishing.«

q.

»Eine Erstausgabe, die sich anfühlt, nach alter Zeit riecht, knarrt, knirscht und knistert – das kann das ahaptische E-Book nicht bieten.« – »Wohl wahr. Und einhundert aneinandergereihte Smartphones ergeben keine Bibliothek, sondern Elektronikschrott.«

r.

»Für meinen neuen Roman suche ich ein brauchbares Sujet.« – »Wie wär’s denn damit: An einer Bar in Baskerville hocken vier Männer und erfinden Sherlock-Holmes-Mysteries, die der Barkeeper auflösen muss.«

s.

»Der PEN fordert, das Urheberrecht urheberrechtlich zu schützen.« – »So funktioniert die Ökonomie des Rechts.«

t.

»Wissen Sie was das Problem beim Lesen eines Buches ist?« – »Bitte verraten Sie es mir.« – »Das Problem ist, dass man am Ende kein vorzeigbares Ergebnis in Händen hält.«

u.

»Sollten Lyrikbändchen prinzipiell nicht auf der Shortlist und Historienromane auf der Longlist erscheinen?« – »Bestseller ≠ Bestreader, nicht wahr?«

v.

»Literatur erscheint mir als das Wiederholen des immer Gleichen: Metaphorik, Melodramatik, Symbolik.« – »Ja, das zu lesen ermüdet.«

w.

»Kennen Sie das Geheimnis eines erfolgreichen Autors?« – »Ich höre.« – »Drei Prozent Talent und 97 Prozent Abschalten des Internets.«

z.

»Und zum guten Schluss die Missa lecta: gratia · index breviarius · praeverbium · capitulum [I-n] · finis · epilogus · index clavis · otium.« – »Amen.«


 

Schreiben ist nicht

Schreiben ist nicht Aggregieren.
Schreiben ist nicht Beobachten.
Schreiben ist nicht Bilderausmalen.
Schreiben ist nicht Bloggen.
Schreiben ist nicht Copy & Paste.
Schreiben ist nicht Darstellen.
Schreiben ist nicht Datenerfassen.
Schreiben ist nicht Drucken.
Schreiben ist nicht Flanieren.
Schreiben ist nicht Googlen.
Schreiben ist nicht Ideenklauen.
Schreiben ist nicht Ideenspinnen.
Schreiben ist nicht Kalligraphieren.
Schreiben ist nicht Klavierspielen.
Schreiben ist nicht Kleideranziehen.
Schreiben ist nicht Malen.
Schreiben ist nicht Musizieren.
Schreiben ist nicht Nichtschreiben.
Schreiben ist nicht Plaudern.
Schreiben ist nicht Quatschen.
Schreiben ist nicht Regieführen.
Schreiben ist nicht Rollenspielen.
Schreiben ist nicht Rufen.
Schreiben ist nicht Schlaudaherreden.
Schreiben ist nicht Schreibmaschinenschreiben.
Schreiben ist nicht Schreien.
Schreiben ist nicht Sichdummstellen.
Schreiben ist nicht Skizzieren.
Schreiben ist nicht Spielen.
Schreiben ist nicht Steinestapeln.
Schreiben ist nicht Stenographieren.
Schreiben ist nicht Tagträumen.
Schreiben ist nicht Theaterschauspielen.
Schreiben ist nicht Tonaufnehmen.
Schreiben ist nicht Transkribieren.
Schreiben ist nicht Transponieren.
Schreiben ist nicht Untertauchen.
Schreiben ist nicht Vandalieren.
Schreiben ist nicht Vormspiegelstehen.
Schreiben ist nicht Wandern.
Schreiben ist nicht Warten auf Godot.

Originaltext von Joachim Zischke | 25. August 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.


 

Absage und Kritik

Auf einem Flohmarkt erstand ich vor Jahren das Buch Pushcart’s Complete Rotten Reviews & Rejections – eine Sammlung der miesesten Buchkritiken und Verlagsabsagen an Autoren. Zwei der für mich schönsten Passagen sind diese hier:

LADY WINDERMERE’S FAN · OSCAR WILDE · 1892

My dear sir,
I have read your manuscript. Oh, my dear sir.

IDA: A NOVEL · GERTRUDE STEIN · 1941

I am only one, only one, only. Only one being, one at the same time. Not two, not three, only one. Only one life to live, only sixty minutes in one hour. Only one pair of eyes. Only one brain. Only one being. Being only one, having only one pair of eyes, having only one time, having only one life, I cannot read your MS three or four times. Not even one time. Only one look, only one look is enough. Hardly one copy would sell here. Hardly one. Hardly one.


 

Buchkritik, Streit und der Autor

Seit sich der Altmeister der deutschen Literaturkritik »MRR« – Marcel Reich-Ranicki –, mit seiner – für mich – allzeit besten Kritik »Ich nehme diesen Preis nicht an!« aus dem Publikumsbetrieb zurückzogen hatte, keine Bücher mehr verriss oder – was schon an ein göttliches Wunder grenzte – gar lobte, scheint in der Welt der Buchkritik eine neue Epoche angebrochen zu sein: Kritik gilt als unfein.

a.

Wir lieben es heute harmonisch, brav und kultiviert. Wir stellen heute niemanden mehr an den Pranger. Ich meine, an den publizistischen Pranger. Mit Eröffnungssätzen wie: »Mir ist das Buch psychosomatisch schlecht bekommen«1, darf heute keine Buchbesprechung mehr beginnen. Das verängstigt die Leserschaft, macht sie literaturmissmutig. Wir sind doch zivilisiert, rationalisiert, semantisiert. Adornos Bemerkung, der Literaturkritiker kritisiert anstelle des Buches den Waschzettel,2 löst nur noch fragende Gesichter aus. Wer im digital-literarischen Darknet weiß denn überhaupt noch, was ein Waschzettel ist? Eben. Auch Walter Benjamins Kritikerthese Numero IX – »Polemik heißt, ein Buch in wenigen seiner Sätze vernichten. Je weniger man es studierte, desto besser. Nur wer vernichten kann, kann kritisieren.«3 – kann heute nicht mehr als Empfehlung gelten.

Wir streiten nicht mehr um Ideen und Inhalte. Wozu sollte das gut sein? Kritik bezeichnet die Kunst der Beurteilung, Unterschiede zu erkennen, Grenzen zu markieren. Doch Grenzen zu ziehen, sei es in der Wirklichkeit, sei es im Denken, gilt als unfein. Der Zeitgeist will Grenzen überschreiten, beseitigen, aufheben, zum Verschwinden bringen. Der Streit – ein mentales Training auf intellektueller Ebene und nicht selten eine Folge der Kritik – strengt an, kostet Energie. Daher gilt: »Echter Streit kann nur von Personen ausgetragen werden, die für etwas streiten, das den engen Horizont ihres unmittelbaren eigenen Vorteils übersteigt.«4 Wie meinte schon der Alte Fritz, »den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden«. Jawoll! Und die paar Tausend spinnerte Maulhelden, die sich am virtuellen Pranger tummeln, um Tag und Nacht über Alles und Nichts zu kritteln, die überlesen wir zielstrebig.

b.

Die Leser lieben ihre Autoren, wie sie sind, auch wenn das, was sie schreiben, ihnen oft nicht zusagt. Charmant und galant ignorieren sie einfach das Geschriebene; die Autoren hatten ja ihre Chance. Und wenn sie, die Autoren, diese nicht besser nutzten – ja dann, dann liegt es nicht am Leser, sie zu kritisieren oder ihnen aus ihrem vielleicht missglückten Werk einen Strick zu drehen oder ihnen gar anerkennend aus der Bredouille zu helfen. Die amazonischen Bücherleute, vor allem die Vielleser unter ihnen, werden das schon richten, buchstäblich: Weniger als vier Sterne, lieber Autor? Dann bist du tot. Mausetot. So einfach und lautlos funktioniert Kritik.

Ach, wie himmlisch und ergötzlich war das noch in kritikharten Zeiten: Da konnten Autor und Verlag trotz Veriss noch hoffen – allein das Nennen eines Buchtitels sorgte dafür, dass sich tags darauf ein gewisser Erfolg an den Buchhandelskassen in klingender Münze niederschlug. Auf eines echten Kritikers Urteil war eben ökonomischer Verlass. Heute hingegen scheinen die Autoren verlassen: Nicht nur klingen in den Kassen (fast) keine Münzen mehr; es läuft ja meist alles digital. Verlassen scheinen die Autoren von allen guten Kritikern. George Bernard Shaw könnte aufatmen. Diese »blutrünstigen Leute, die es nicht bis zum Henker gebracht haben«, wie er Kritiker betitelte, die scheinen ausgestorben, zumindest zeilenlos geworden zu sein. Ihre Auftritte haben sie auf Nebenschauplätzen: in schon ins Klamaukige abgleitenden TV-Talks.

Sehr elegant wirkt da doch die Selbstkritik des Erfolgsautors Dale Carnegie, der über sein Buch Wie man Freunde gewinnt sinngemäß sagte: »Ich weiß, dass es einige Kritik an meinem Buch gibt. Man behauptet, es sei nicht tiefgründig genug und enthielte in Sachen Psychologie und menschliche Beziehungen nichts Neues. Das ist wahr. Gentlemen, ich habe niemals behauptet, eine neue Idee zu haben.«5 Besser kann man als Autor Kritik nicht parieren.

Originaltext von Joachim Zischke | 23. August 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.

Bibliografie

1 Gabriele Wohmann über Jean Améry: Hand an sich legen. Der Spiegel, 35/1976.
2 Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur. Frankfurt am Main, 1974.
3 Walter Benjamin: Einbahnstrasse. Berlin, 1928.
4 Thea Dorn: Ach, Harmonistan. Deutsche Zustände. München, 2010.
5 Dale Carnegie zitiert in: Scott Berkun: Bekenntnisse eines Redners. Oder die Kunst, gehört zu werden. Deutsch von Peter Klicman. Köln, 2010.


 

Das Ich-suche/Ich-biete-Spiel

Sie kennen sicherlich das in sozialen Netzwerken übliche »Ich-suche/Ich-biete-Spiel«. Zum Evaluieren von Arbeitsfeldern und Sachgebieten, zum ersten Einschätzen eines möglichen Kontaktes. Hier kommt eine weitere, etwas satirisch unterlegte, gleichwohl nützliche Spielvariante. Es ist ein Spiel mit Identität, es geht um Wissen und ökonomische Chancen – sowohl für Sie als auch für mich.

Spielanleitung

Bringen Sie die Ich-suche-Begriffe in eine andere Ordnung als die Ich-biete-Begriffe. Eine alphabetische Sortierung ist nicht erlaubt. Notieren Sie für jedes Wort, dem Sie zustimmen, worüber Sie mehr erfahren möchten, eine »1«, für jedes Wort, das Sie nicht interessiert, eben nichts.

Ich suche

Menschen, Unternehmen, Organisationen, Kunden, Denker, Entdecker, Phanstasten, Spielfreudige, Planspieler, Peripatetiker, Innovatoren, Ideensuchende, Fragen, Autoren, Fotografen, Illustratoren, Aufträge, Projekte, Einladungen, Gespräche, Einsatz, Herausforderung, Überraschungen, Die ideale Stadt, Drehbleistifte, Inselbegeisterte, Weingeniesser, Weinkellerbesitzer, Netzwerker, Verlage, Verleger, Achtsame, Mutige, Risikofreudige, Interviewpartner, Unbekannte, Stars.

Ich biete

Ideenfinden, Visualisieren, Beraten, Hilfe, Sprechstunde, Denkstunde, Training, Methoden, Werkzeuge, Wissenstransfer, Entscheiden, Prozesse gestalten, Spielen, Zuhören, Antworten, Coaching, Planspiele, Rollenspiele, Brettspiele, Sui-generis-Spiele, Wissen, Erfahrung, Schreiben, Text, Herausgeber, Online-Magazin, Phantasie, Imagination, Freude, Spass, Humor, Zuversicht, Weitblick, Auf-den-Grund-Gehen, Nachfragen, Information, Vortrag, Workshops, Impulse, Idealismus, Nutzen, Werte.

Spielende und Ergebnis

Addieren Sie die Werte für jede der beiden Gruppen. Ist der Wert von »Ich suche« höher als von »Ich biete«, haben Sie – Glückwunsch! – das Spiel gewonnen, Sie brauchen nichts weiter tun. Andernfalls habe ich gewonnen. Sie sollten mich baldmöglichst kontaktieren, denn es besteht eventuell Handlungsbedarf für ein spannendes Rückspiel.

Originaltext von Joachim Zischke | 21. August 2016.


 

Die permanente Affirmation von Relevanz ohne derselben in realis

Er sagte: »Man kann die Welt nicht zurückdrehen, leider. Also wird die Welt so weiter drehen, bis die ganze Sache explodiert, leider.« ¶ Vor dem Aussprechen eines Gedankens: Bemesse seine Ausmaße im Bezug zum Raum, in dem er sich bewegen wird. ¶ Erfahrung: Das Durchwandern der Welt und nicht zu wissen, wohin oder warum man geht. ¶ Man lege sich einen Vorrat an Empfindungen und Erfahrungen an. So verliert auch der erneute Fehlschlag seinen Reiz. ¶ Wirklich frei bin ich, wenn ich die Wahl habe, mich Zwängen zu unterwerfen. ¶ Die Länge eines Gedankens ist nicht entscheidend. Entscheidend ist seine Wirkung in der Breite. ¶ Apropos soziale Netzwerke: Die Teilnahme erscheint primär, der Inhalt sekundär, wenn überhaupt relevant. ¶ Zerstöre schöpferisch die Regeln, doch behalte die Tradition bei. ¶ Wie geht Denken unplugged? ¶ Wer die Eigenarten von Kultur als eine Illusion des Seins begreift, für den wird die Wirklichkeit selbst zum Ensemble von Fiktionen. ¶ Beim Nachdenken: Bestimme stets die Koordinaten deines Wissens. Benutze kein GPS. Es ist zu ungenau. ¶ »Man kann nichts von nichts sagen«, sagt Cioran. Woher nahm der erste Buchschreiber seine Worte? ¶ Unser Suchverhalten ist zu einem Suchtverhalten geworden. ¶ Luxus: Der Kakophonie des Lebens entfliehen können. ¶ Ich bin ein Optimist des nächsten Tages. Weiter vermag ich nicht (mehr) zu hoffen.
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Originaltext von Joachim Zischke | 20. August 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.


 

Autos wie Marmeladen, alles gleich viel

1 Neulich – ich bin auf meiner nachmittäglichen Spaziergangstour: Friedhof, Kurpark, Römerplatz, Limburgblick – huscht ein schwarzes Auto heran, fast lautlos, doch groß und mächtig, hohe breite Schultern, ein endlos lang gestreckter Rücken, wuchtig, massiv, gebieterisch der ganze Körperbau, die undurchsichtigen Fenster zu drohenden Sehschlitzen reduziert – da denke ich zuerst an das neue Modell eines Geldtransporters, geheim und gepanzert, doch dann, als das Fahrzeug in seiner ganzen Länge passiert, setze ich auf einen »MUV«, vulgo: Morturary Utility Van, den Bestattungswagen, weil schwarz und wuchtig und pietätvoll leise dahinrollend. Aus dem rechten Augenwinkel erkenne ich noch rechtzeitig den blitzenden dreigezackten Stern der Premiummarke. Ich verirre mich in Fragen und Vermutungen, wende auf der Stelle, befrage zuhause meinen Laptop, worauf sich ein löchriges ABC vor meine Augen legt – innovativ und intelligent, wie man mir immer wieder einblendet: A, B, C, CLA, CLS, E, G, GLA, GLC, GLE, GLS, S, SL, SLC, AMG GT, V. Wo anfangen, wo aufhören? Schade, dass es keinen »Personality Car Test« gibt; etwas mehr spielerische »Activity« würde den »Masterpieces of Intelligence« doch sicherlich gut tun.

2 Am frühen Abend fällt mir auf, dass das Glas meiner geliebten Frühstücksmarmelade leer ist. Ein Frühstück ohne Marmelade – das ist für mich undenkbar. Heutzutage ist das natürlich kein Problem: Der freundliche Markt, der Lebensmittel über alles liebt, hat ja noch lange geöffnet. Und dann stehe ich vor dem 20 Meter langen Regal, bunt etikettierte Behältnisse drängen sich dicht an dicht, von oben bis unten: das Blüten-Gelee, die Crème Composé, mit Fruchtanteil von 50 Prozent oder 75 Prozent, die handgerührte Confiture … Ich muss Luft holen, denn erneut blicke ich auf ein ABC, jetzt durcheinander geraten, jetzt aus Frucht und Süße, von Aprikose-Mandarine-Yuzu bis Maracuja-Pfirsich-Zitronengras.

3 Markt und Konsumgesellschaft ≡ Massenproduktion und Massenverbrauch. Die Produktionsidee der Vielheit beruht auf Iteration, und zwar Iteration des Identischen, Äquivalenten. Der Bedeutungsverlust des Originals nimmt mit der Entwicklung immer perfekterer Reproduktionstechnologien rapide zu. Kein Stück ist mehr wert als das andere, trotz möglicher physischer Differenzen. Das Vielfältige definiert sich nicht über die Qualität, die aus irgendeiner Materialeigenschaft oder ästhetischen Vorstellung abgeleitet ist, sondern allein über seine Etikettierung. Quantitativ in Zahlen messbare Vielheit wird angestrebt, nicht Vielfalt als unendlicher Variantenreichtum. Der Vielfalt steht die Einfalt gegenüber.

Originaltext von Joachim Zischke | 19. August 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.


 

Das Internet der Dinge und der verlorene Traum vom selbstbestimmten Leben

Das »Internet der Dinge« macht aus jedem Ding ein »intelligentes« Objekt. Die Objekte kommunizieren direkt miteinander: der Sensor mit dem Aktor, der QR-Code mit dem Chip, der Kühlschrank mit der Packung Crème fraîche, das Auto mit dem Park­computer, der Park­computer mit dem Abschlepproboter, etc. Und ganz nebenbei werden Sie, der Mensch, selbst zum lebenden, über eine Internet-Protokoll-Adresse vernetzten, überall und jederzeit eindeutig identifzierbaren Objekt. Doch keine Sorge: Sie bleiben die Krone dieser WertSchöpfung, denn alle Dinge des Internets drehen sich ausschließlich um Sie, um Ihr physisches und psychisches Wohlergehen, um Ihr optimales Leben im Sinne der Effizienzgesellschaft.

Eine Beispielszene

Sie sind nach Hause gekommen und packen Ihre Einkäufe aus. Just wollen Sie die Dose Thunfisch ins Regal legen, da meldet sich eine freund­liche Frauenstimme aus dem Off: »Greenpeace freut sich, dass Sie sich für einen Thunnus der Marke ›Mare liberum‹ entschieden haben. Vielen Dank für Ihre Wahl. Sicherlich wissen Sie, dass der Thunnus noch immer auf der roten Liste steht. Darauf weist Sie auch das Etikett auf der Verpackung hin. Was halten Sie davon, wenn Sie Ihre lässliche Sünde mit einer Förderung der Alternativen Fischerei ausgleichen?« Sie antworten: »Ich bedauere, doch heute nicht.« – »Ich habe Sie nicht verstanden.« – »Ich sagte: Heute leider nicht.« – »Wählen Sie bitte zwischen einem achtel, einem viertel und einem halben Bitcoin. Wie lautet Ihre Wahl?«

Das Internet der Dinge skaliert exponentiell. Das Ziel von Skalierung heißt Wachstum und Gewinn.

Die Begrifflichkeit ist wörtlich zu nehmen: Jedes Ding soll über einen Anschluss an das Internet und eine sogenannte IP-Adresse verfügen. Nicht nur das Telefon – das wäre ein alter Hut –, sondern buchstäblich alles: Auto, Kaffeemaschine, Zahnbürste, Thermostat, ja, sogar die Mausefalle, alles soll mit allem vernetzt und übers Internet erreichbar, steuerbar und überwachbar sein. Und das sind die Implikationen: (1) Das Internet der Dinge produziert eine Unmenge von Daten, die allesamt in fremde – zum Teil zweifelhafte – Hände gelangen. (2) Es konterkariert alle Bestrebungen, den weltweiten Energieverbrauch vernünftig zu reduzieren. (3) Da alle Objekte Software basiert arbeiten, steigt der Anteil an unsicherer und schadhafter Software und mit dieser die Wahr­schein­lichkeit eines infrastrukturellen GAUs. (4) Es liegt in der Technik der Sache, dass das Internet der Dinge seine Zugriffe konsequent auf viele, wenn nicht auf alle Bereiche der privaten Lebensführung ausdehnt und sie für seine Zwecke vereinnahmt. Im Namen der Ökonomie und Effizienz entsteht eine gesellschaftliche Konditionierung zur Teilnahme und Nutzung. (5) Ein Recht auf Privatheit, auf ein analoges selbst­bestimmtes Leben existiert nicht, und falls doch, wird es durch den »Fortschritt« sukzessive ausgehebelt. (6) Der Staat als originäres und einziges Kontrollorgan versagt beim Anwenden eines eingreifenden und begrenzenden Regelwerks; er mischt munter mit, sitzt er doch in der ersten Reihe der Nutznießer des stetigen Datenflusses und seines Detailreichtums. Eine »marktkonforme Demokratie« (Angela Merkel) wird schlussendlich auch Teil des umfassenden Internets der Dinge.

Technischer Stillstand bedeutet künftig nicht einfach Rückstand, sondern Exklusion.

Das Postulat der neoliberalen Wirtschaftsordnung verlangt das Mitspielen aller: Leistungssteigerung und Effizienzmaximierung um jeden Preis. Das Verweigern des Fortschritts wird als Handeln gegen die Interessen der Effizienzgesellschaft mit Exklusion geahndet, was nicht selten mit einem Verlust der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Existenz endet. Das Internet der Dinge fungiert mitnichten als altruistischer Datenakkumulator und Generator einer Wohlstandsgesellschaft »im Jahre 632 nach Ford« (Aldous Huxley). Es dient als Panopticon für eine totalitäre Machtausübung einer neuen Art, die nicht territorial begrenzt, nicht staatlich legitimiert, sondern global und maschinell agierend wirkt. Der Mensch, auf den Rang eines digital kommunizierenden Objekts reduziert, hat dann seinen Traum vom selbstbestimmten Leben endgültig verloren.

Originaltext von Joachim Zischke | 17. August 2016.
Reine Denkarbeit. Keine Algorithmen.