Arbeit, der Bohemien und die Jahrhunderte

Der Bohe­mi­en – nen­nen wir ihn B. – ist einer jener unbe­küm­mer­ten, unkon­ven­tio­nel­len, krea­ti­ven Leu­te, die wir am ehes­ten in den ber­li­ner Bezir­ken antref­fen kön­nen. Unser B. liest viel, vor allem über Arbeit. Als Künst­ler­na­tur, sagt er, gehö­re das Wis­sen über Arbeit zum Pflicht­pro­gramm, nicht zur Kür. Nun hat B. gele­sen, Arbeit sei eine Tugend, eine Art Ver­si­che­rung für das bes­se­re Leben. Arbeit schüt­ze vor Las­tern, sie mache zufrie­den, erhal­te gesund, kurz: Erst Arbeit mache den Men­schen zu einem voll­wer­ti­gen, frei­en und mora­li­schen Wesen. Und mit dem letz­ten Satz ver­senkt sich B. in ein tie­fes Nach­den­ken. Der­weil streu­en wir ein Zitat vor ihm aus.

»Der Nichts­tu­er als der Geis­tes­men­sch ist tat­säch­li­ch in den Augen derer, die unter nichts tun, tat­säch­li­ch nichts tun ver­ste­hen und die als Nichts­tu­er auch tat­säch­li­ch gar nichts tun, weil in ihnen wäh­rend des Nichts­tu­ens gar nichts vor­geht, die größ­te Gefahr und also der Gefähr­lichs­te.«
Tho­mas Bern­hard, Aus­lö­schung

Aristoteles und Platon

Dem B. gefällt, was Aris­to­te­les über die Arbeit sagt: »Arbeit und Tugend schlie­ßen ein­an­der aus.« Wenn die Sor­ge um das täg­li­che Brot im Vor­der­grund des Daseins steht – »Oder du nicht weißt, wo das fei­er­abend­li­che Bier her­kommt«, ergänzt B. scherz­haft –, dann kön­nen sich Klug­heit, Moral und Ver­nunft nur sehr schwer ent­wi­ckeln. Und auch den Satz, »Das Ziel der Arbeit ist die Muße. Die Muße ist die Schwes­ter der Frei­heit«, fin­det B. ein­fach Klas­se: »So ein Geschwis­ter­paar woll­te ich immer schon haben.« 

Pla­ton weist in der Poli­teia dem Staat die Rol­le zu, jeder­mann sei­ne Arbeit vor­zu­schrei­ben. – »War­um denn der Staat?« – Der Staat sei dann gerecht, sobald der Herr­scher herrscht, der Arbei­ter arbei­tet, der Skla­ve front. B. ist empört: »Das ist ja nichts ande­res als die tota­li­tä­re Gerech­tig­keit einer Drei­klas­sen-Gesell­schaft.« Stimmt. Doch in der Anti­ke gab es noch eine ande­re Denk­rich­tung: Muße war das eigent­li­che gesell­schaft­li­che Ide­al. »Muße fin­de ich gut, noch bes­ser die Musen«, sagt B. Gut zu wis­sen: Arbeit dien­te im anti­ken Grie­chen­land bloß dem Lebens­un­ter­halt. Muße hin­ge­gen bedeu­te­te einen Zustand der Frei­heit, ohne Sor­ge, Mühe oder Zwang. Eine Zeit, in der der Ein­zel­ne etwas Sinn­vol­les für sich tun konn­te.

Im Wort »Muße« ste­cken Aspek­te des Ein­hal­tens, Auf­hö­rens und der Ruhe. Muße ist eine Tätig­keit, die kei­ne außer ihr lie­gen­den Zwecke ver­folgt; sie trägt ihren Wert und ihren Zweck in sich selbst. Und sie führt zur mora­li­sch-geis­ti­gen und kul­tu­rel­len Ent­wick­lung, zu einer wachen Kon­tem­pla­ti­on. Muße bedeu­tet also nicht Nicht­stun oder gar Faul­heit. Ohne Muße kom­men wir nicht zu Erkennt­nis­sen, die uns mensch­li­ch, tech­ni­sch und wirt­schaft­li­ch wei­ter­brin­gen. »Und war­um schuf­ten wir dann heu­te so?« Erst das Chris­ten­tum mach­te aus der Muße den Müßig­gang. Allem vor­an der Pro­tes­tan­tis­mus und sein cal­vi­nis­ti­scher Able­ger, die­se erho­ben Arbeit und Pflicht zum höchs­ten Maß. Was oder wer kein Geld ein­brach­te, galt fort­an als unnütz. Der Roman­ti­ker Fried­rich Schle­gel emp­fand die Muße als »ein­zi­ges Frag­ment von Gott­ähn­lich­keit, das uns noch aus dem Para­dies blieb«.

Mittelalter

B. berich­tet von Jac­ques Le Goffs Aus­füh­run­gen über die monas­ti­sche Arbeit. In der scrip­to­ria der mit­tel­al­ter­li­chen Klös­ter war das scri­be­re, das Kopie­ren der Manu­skrip­te, eine Hand­ar­beit. Hand­ar­beit wur­de als eine Form der Buße ange­se­hen. Über­haupt lag der Sinn in der monas­ti­schen Arbeit dar­in, Buße zu tun. Mön­che waren sozu­sa­gen pro­fes­sio­nel­le Büßer. Deren Zeit­ge­nos­sen beein­druck­ten sowohl der Sinn ihrer Übung als auch die Kon­se­quenz ihrer Arbeit. Der Mön­ch, der sich durch die Hand­ar­beit ernied­rigt, erhöht sie damit. B. erklärt fei­er­li­ch: »Ich bin zwar kein Schrif­ten- oder Minia­tu­ren­ma­ler, doch nach­emp­fin­den kann ich das Arbei­ten der Mön­che schon. Auch ich arbei­te für einen höhe­ren Sinn. Ich kann ihn nur noch nicht mit Wor­t­en beschrei­ben.«

Rousseau und Voltaire

Jean-Jaques Rous­se­aus Gesell­schafts­ver­trag aus dem Jah­re 1762 beginnt mit den berühmt gewor­de­nen Wor­t­en: »Der Men­sch wird frei gebo­ren, und über­all liegt er in Ket­ten.« Weni­ger berühmt ist sei­ne – auch heu­te noch pro­pa­gier­te – Auf­fas­sung, nach der Frei­heit auf einem uner­bitt­li­chen Gehor­sam grün­det. Anders aus­ge­drückt: Das Ziel müs­se ein Gehor­sam sein, der als Frei­heit erfah­ren wird. Rous­se­au schreibt: »Wer den Mut besitzt, einem Volk ein Geset­zes­werk zu geben, muss sich imstan­de füh­len, gleich­sam die mensch­li­che Natur umzu­wan­deln, er muss dem Men­schen die ihm eigen­tüm­li­chen Kräf­te neh­men, um ihn mit ande­ren aus­zu­stat­ten, die sei­ner Natur fremd sind.«

Die umge­wan­del­te »Natur« des Men­schen bedeu­tet nichts ande­res als ein ange­pass­tes Leben nach den von der Gesell­schaft gesetz­ten Nor­men der Arbeit. »Das heißt, die Arbeit ersetzt die Moral, schwingt sich auf zum Prin­zip alles Guten«, ruft B. aus. Rich­tig. Und wer den ver­lang­ten Arbeits­pro­zes­sen nicht folgt, wird zum Feind der behaup­te­ten all­ge­mei­nen Frei­heit. Für Rous­se­au ist Arbeit eine gesell­schaft­li­che Pflicht. Der Staat hat des­halb auch das Recht, Müßig­gän­ger zur Arbeit zu zwin­gen. Doch dar­aus ent­springt eine dop­pel­te Pflicht: eine Pflicht des Indi­vi­du­ums zur Arbeit und eine Pflicht des Staa­tes zur Arbeits­be­schaf­fung. B. meint: »Letz­te­res fehlt uns heu­te. Arbeits­häu­ser, viel­leicht ele­gant mit Ate­lier de Cha­rité umschrie­ben, ken­nen wir nicht – viel­leicht soll­te ich sagen: noch nicht.« Bemer­kens­wert ist, was Rous­se­au über sich selbst sagt: »Ich lie­be es, mich mit Nich­tig­kei­ten zu befas­sen, hun­dert Sachen anzu­fan­gen und kei­ne zu Ende zu brin­gen … kurz und gut, den gan­zen Tag wirr und plan­los zu ver­tän­deln und in jeg­li­cher Sache nur der Lau­ne des Augen­blicks zu will­fah­ren.« Kön­nen wir das als ein Ein­ge­ständ­nis ver­ste­hen, das gele­gent­li­che Nicht­stun zu pfle­gen, das krea­ti­ve Cha­os in der Form von Muße wir­ken zu las­sen?

Der Auf­klä­rer Vol­taire, ein Zeit­ge­nos­se Rous­se­aus, führt an, dass der Men­sch nicht in den Gar­ten Eden gesetzt wur­de, um aus­zu­ru­hen, son­dern um ihn zu bebau­en. B. sagt: »Vol­taire über­sieht geflis­sent­li­ch, dass der Men­sch aus dem Para­dies ver­trie­ben wur­de, dass er ohne die Arbeit, zu der er nun ein­mal ver­flucht ist, buch­stäb­li­ch nicht leben kann.« Vol­taire resü­miert: »Arbei­ten wir also, ohne zu phi­lo­so­phie­ren, … denn das ist das ein­zi­ge Mit­tel, das Leben erträg­li­ch zu machen«. 

Goethe und Heine

Goe­the notier­te am 13. Janu­ar 1779 in sei­nem Tage­buch: »Der Druck der Geschäf­te ist sehr schön für die See­le; wenn sie ent­la­den ist, spielt sie frei­er und genießt des Lebens. Elen­der ist nichts, als der behag­li­che Men­sch ohne Arbeit …« Gut mög­li­ch, dass Goe­the sein pro­duk­ti­ves Gleich­ge­wicht gera­de zwi­schen kon­zen­trier­tem Arbei­ten und frei­em Fan­ta­sie­ren fand. »Was natür­li­ch eine mate­ri­ell behag­li­che Lage vor­aus­setzt«, ergänzt B. mit wacher Mie­ne. Hein­rich Hei­ne, der den han­no­ve­ra­ner Mathe­ma­ti­ker und Phi­lo­so­phen Leib­niz hoch schätz­te, schrieb in der Harz­rei­se mit Bezug auf des­sen Theo­di­zee, unse­re Welt sei tat­säch­li­ch die bes­te Welt. »Aber man muß Geld in die­ser bes­ten Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Manu­skrip­te im Pult …« Es sei denn, man woll­te das Leben eines Mön­ches leben, sie­he oben.

Kierkegaard

Der in Däne­marks Gol­de­nem Zeit­al­ter leben­de Phi­lo­so­ph Sören Kier­ke­gaard sieht in der Arbeit eine Men­schen­pflicht, kei­ne blo­ße Last, son­dern ein ethi­sches Gewicht. Arbeit ist für ihn weder ein läs­ti­ger Zwang, noch Ver­dienst und Ver­gnü­gen, sie ist auch kei­ne Unvoll­kom­men­heit der mensch­li­chen Exis­tenz. Arbeit ist eine dem Men­schen eigen­tüm­li­che Art der Voll­kom­men­heit. »Star­ke Worte.« Kier­ke­gaard schreibt: »Je tie­fer das Men­schen­le­ben steht, desto weni­ger Not­wen­dig­keit zu arbei­ten ist da; je höher es steht, desto mehr stellt sie sich ein. Die Pflicht, für das Leben zu arbei­ten, drückt das all­ge­mein Mensch­li­che aus – auch in dem Sin­ne, daß sie eine Mani­fes­ta­ti­on der Frei­heit ist. Durch Arbeit macht sich der Men­sch frei; durch Arbeit wird er Herr der Natur; durch Arbeit zeigt er, daß er mehr ist als Natur.« Wobei anzu­mer­ken wäre, dass die Dua­li­sie­rung von Arbeit und Frei­heit schnell in die kata­stro­pha­le Tri­a­de Arbeit, Frei­heit und Wahn über­ge­hen kann.

»Wenn Men­schen bei ihrer Arbeit glück­li­ch sein sol­len, braucht es dafür drei Din­ge: Sie müs­sen sie ger­ne tun. Sie dür­fen nicht zu viel davon tun. Und sie müs­sen ein Gefühl von Erfolg in Ihrer Arbeit haben.«
John Rus­kin

Russell

Im Jah­re 1932 scho­ckiert der Phi­lo­so­ph, Mathe­ma­ti­ker und Pfei­fen­rau­cher Bertrand Rus­sell das bri­ti­sche Esta­blish­ment. In sei­nem Essay Lob des Müßig­gangs äußert er die wahn­wit­zi­gen The­sen, in der Welt wer­de zu viel gear­bei­tet, und die Über­zeu­gung, Arbei­ten sei an sich schon vor­treff­li­ch und eine Tugend, rich­te unge­heu­ren Scha­den an. Rus­sell schlägt eine täg­li­che Arbeits­zeit von vier Stun­den vor. B. freut sich: »Das ist das glei­che Zeit­maß, das ich nach eini­ger Erfah­rung bereits für mich ein­ge­führt habe. Der Mann ist mir sym­pa­thi­sch.« Nicht um die freie Zeit in Fri­vo­li­tät oder im pas­si­ven Kon­su­mie­ren von Thea­ter, Fern­se­hen, Fuß­ball oder Radio zu ver­brin­gen. Rus­sell denkt viel­mehr an das Beschäf­ti­gen mit Din­gen, die das Leben inter­es­sant, abwechs­lungs­reich und viel­fäl­tig machen: Bil­dung, hand­werk­li­che Tätig­kei­ten, phil­an­thro­pi­sches Geld­aus­ge­ben. Im Übri­gen fin­det Rus­sell kei­nen ein­leuch­ten­den Grund, war­um Men­schen mit viel Schweiß so vie­le Kon­sum­gü­ter her­stel­len sol­len, die in der­art gerin­gem Maße die Lebens­qua­li­tät wirk­li­ch zu stei­gern ver­mö­gen.

Foucault und Dueck

Michel Fou­cault zeigt in sei­nen Stu­di­en, dass es Jahr­hun­der­te gedau­ert und viel Blut, Schweiß und Trä­nen gekos­tet hat, bis der Men­sch für den Arbeits­dienst, für lebens­läng­li­ches, unun­ter­bro­che­nes Arbei­ten dis­zi­pli­niert war. Anstal­ten in der Form von Zucht- und Arbeits­häu­sern schaff­ten schließ­li­ch den Durch­bruch. Oder soll­te man eher sagen: die Unter­wer­fung?

B. fragt: »Gibt es wirk­li­ch ›rich­ti­ge Men­schen‹, und wer sind die ›unrich­ti­gen‹? Von dem Mathe­ma­ti­ker und »Autor welt­an­schau­li­ch-phi­lo­so­phi­scher Sach­bü­cher« (Wiki­pe­dia) Gun­ter Dueck lesen wir, dass kon­di­tio­nier­te, durch Erzie­hung und Drill behan­del­te Men­sch exakt die­se Wesen, also »rich­ti­ge Men­schen«, sind. »Drückt die­se Aus­sa­ge nicht eine unmensch­li­che Hal­tung aus?« Anthro­po­lo­gen und Eth­no­lo­gen ver­tre­ten eine ande­re Auf­fas­sung. Sie behaup­ten, die mehr oder min­der gewalt­sa­me Ver­än­de­rung des Men­schen in kon­di­tio­nier­te Wesen mache die moder­ne Gesell­schaft über­haupt erst mög­licht (Anders). Folg­li­ch beschreibt Dueck den umpro­gram­mier­ten, rich­ti­gen Men­schen so: »Rich­ti­ge Men­schen set­zen auf Pflicht und Arbeit, sie schaf­fen und hal­ten Ord­nung, ach­ten auf die Moral und guten Geschmack. Rich­ti­ge Men­schen sind ver­ant­wort­li­ch und zuver­läs­sig, sehen Arbeit als Mühe und Lebens­auf­ga­be, … Ande­re Men­schen sind eben nicht rich­tig!«

»Wir arbei­ten, um eines Tages nicht mehr arbei­ten zu müsen.«
Hein­rich Böll

Wie wir sahen, wird in der anti­ken Phi­lo­so­phie die Arbeit der Muße ent­ge­gen­ge­setzt. Im frü­hen Chris­ten­tum gilt Arbeit als Stra­fe für die Erb­sün­de, wel­che nur durch andau­ern­de Buße – eben durch jene Arbeit – gesühnt wer­den kann. Seit der Refor­ma­ti­on nimmt Arbeit mehr den Inbe­griff der Selbst­ver­wirk­li­chung an (Ber­ger). Arbeit dient dem moder­nen Men­schen nicht mehr allein der Exis­tenz­si­che­rung. Als das Non­plus­ul­tra der Arbeits­welt tritt ein Kli­ma der Dyna­mik und der Wech­sel zwi­schen plan­vol­ler, struk­tu­rier­ter Arbeit – auch mit Druck – und spie­le­ri­scher Frei­heit auf den Plan. Da Arbeit für den »rich­ti­gen Men­schen« den Rang der ein­zi­gen sinn­vol­len Tätig­keit ein­nimmt, wird »vom Arbei­ten auch aller Sinn erwar­tet, den Men­schen als täti­ge Wesen in ihrem Tun sehen kön­nen« (Arlt). Das Auf­wer­ten der Arbeit führt zur Vor­stel­lung, dass die Selbst­ver­wirk­li­chung und die Erfül­lung des Lebens­sinns allein durch Arbei­ten mög­li­ch ist. Hier wird die Selbst­ver­wirk­li­chung mit dem Kri­te­ri­um der Nütz­lich­keit ver­wech­selt. Ador­no blickt in eine ande­re Zukunft: »Viel­leicht wird die wah­re Gesell­schaft der Ent­fal­tung über­drüs­sig und läßt aus Frei­heit Mög­lich­kei­ten unge­nützt, anstatt unter irrem Zwang auf frem­de Ster­ne ein­zu­stür­men.«


Lite­ra­tur:
Theo­dor W. Ador­no: Gesam­mel­te Schrif­ten Bd. 4 (Mini­ma Mora­lia). Darm­stadt, 1998.
Vgl. Gün­ther Anders: Die Anti­quiert­heit des Men­schen. Über die Zer­stö­rung des Lebens im Zeit­al­ter der drit­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on. Mün­chen, 1980.
Hans-Jür­gen Arlt, Rai­ner Zech: Arbeit und Muße. Ein Plä­doy­er für den Abschied vom Arbeits­kult. Wies­ba­den, 2015.
Vgl. Maxi Ber­ger: Arbeit, Selbst­be­wusst­sein und Selbst­be­stim­mung bei Hegel. Ber­lin, 2012.
Gun­ter Dueck: Omni­so­phie-Tri­lo­gie. Ber­lin, Hei­del­berg, 2013.
Vgl. Michel Fou­cault: Über­wa­chen und Stra­fen. Die Geburt des Gefäng­nis­ses. Frank­furt am Main, 1976.
Vgl. Jac­ques Le Goff: Für ein ande­res Mit­tel­al­ter. Zeit, Arbeit und Kul­tur in Euro­pa des 5. - 15. Jahr­hun­derts. Wein­gar­ten, 1987.
Søren Aabye Kier­ke­gaard: Entweder/​Oder. 1843.
Vol­taire: Can­di­de oder der Opti­mis­mus. Frank­furt am Main, Wien, 1989.


 

Kaffeesekretärin

Die Geschich­te ist schon alt. Ich wie­der­ho­le sie den­no­ch ger­ne, denn Vie­les in unse­rer Welt ändert sich nie. ¶ Die Sekre­tä­rin emp­fängt den Besu­cher, gelei­tet ihn zum Geschäfts­füh­rer und fragt dann höf­li­ch: »Darf ich den Her­ren einen Kaf­fee kochen?« Der Chef ant­wor­tet blitz­schnell und indi­gniert: »Frau Gro­te­lü­schen, Sie sol­len den Kaf­fee nicht kochen, son­dern zube­rei­ten.« Wor­auf Frau Gro­te­lü­schen sich – mit auf­fäl­lig höfi­scher Ver­nei­gung – rück­wärts aus dem Raum bewegt.


 

Ich habe es wieder getan

Ich habe es getan! Ich habe es getan! Ich habe es wie­der getan! Es ist ver­rückt: Mehr als fünf­zig Jah­re muss­ten ver­ge­hen, bis sich ein Ereig­nis wie­der­hol­te. Ein rela­tiv bana­les zwar, über das wohl ein ande­rer Men­sch nicht reden oder schrei­ben wür­de, doch für mich eines mit star­ker Sym­bol­kraft. Das Auf­be­geh­ren gegen die guten Sit­ten, das Durch­set­zen von Wün­schen. ¶ Die Sache ver­hält sich näm­li­ch so: Wir leb­ten damals in einer klei­nen badi­schen, mit­tel­al­ter­li­ch gespräg­ten Stadt. Das Haus, in dem wir wohn­ten, lag ziem­li­ch weit oben an einem Berg­hang. Die Volks­schu­le, die ich besu­chen mus­s­te, befand sich in total ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung, im Tal, am ande­ren Ende der Stadt. Was an jedem Schul­tag einen stram­men Fuß­mar­sch bedeu­te­te, hin und zurück, locker ein­ein­halb Stun­den je Tour. Nun war das Durch­wan­dern der Stra­ßen auch mit vol­lem Tor­nis­ter kein wirk­li­ches Pro­blem. In einem Pulk von quas­seln­den Klas­sen­ka­me­ra­den, vor­bei an Säge­werk, Majo­li­ka-und Bag­ger­fa­brik, ver­ging die Zeit im Nu. Bei schö­nem Wet­ter. ¶ Kri­ti­sch wur­de für mich die Situa­ti­on nur dann, wenn mei­ne Mut­ter mir auf­trug, etwas in der Stadt ein­zu­kau­fen und mit­zu­brin­gen. Einen kan­ti­gen Laib Kom­miss­brot, zum Bei­spiel. Oder ein Misch­brot, ein Kilo schwer, und in ein grau­es, am Knust offe­nes Papier gehüllt. Im Ran­zen war kein Platz dafür. Also klemm­te ich mir das Brot unter den Arm, erst unter den lin­ken, dann unter den rech­ten und bald wie­der gewech­selt. Wie das fri­sche, oft­mals noch war­me Brot duf­te­te, wenn ich mit ihm durch die Stra­ßen zog! Die gro­ße Pau­se war um halb Zwei schon lan­ge vor­bei. Kein Wun­der, dass oft mein Magen knurr­te und ich irgend­wann anfing, an dem Brot­laib zu knab­bern. Natür­li­ch erst ein klei­nes Stück­chen Rin­de, so dass es nicht gleich auf­fiel. Dann aber an der frei­ge­leg­ten Stel­le immer tie­fer gebohrt und den Teig aus­ge­höhlt, wie bei einem Stol­len. Herr­li­ch! Bis beim Nach­hau­se­kom­men das ers­te Drit­tel des Brots nur noch als emp­find­li­che Hül­le übrig war. Was mir unver­se­hens Ärger ein­brach­te, vor allem, wenn mein Vater schon zuhau­se war, denn Geld war knapp. Mus­s­te er nie in sei­nem Leben mit einem fri­schen Brot unterm Arm vier Kilo­me­ter zu Fuß nach Hau­se gehen? Ich habe ihn nie dana­ch gefragt. ¶ Heu­te kauf­te ich einen Gas­sen­hau­er – ja, so heißt das Brot. Man­ch ein Bäcker denkt sich lus­ti­ge Namen aus. Als ich es in den Ruck­sack stopf­te, bemerk­te ich, wie warm und weich es sich anfühl­te. Blitz­schnell war die Erin­ne­rung wie­der da. Doch ich sag­te mir: Komm, geh nach Hau­se, sei kein Esel. Ich schnür­te den Ruck­sack zu, schul­ter­te und mar­schier­te los. Kaum war ich fünf­zig Schrit­te gegan­gen, umweh­te der war­me Brot­duft mei­ne Nase. Tap­fer woll­te ich durch­hal­ten. Wirk­li­ch, ich schwö­re. Ich ver­moch­te es nicht. Und so habe ich es wie­der getan.


 

Begrüssungsvorlage

»Hoch­ver­ehr­ter Herr Prä­si­dent, mei­ne Her­ren Minis­ter, Staats­se­kre­tä­re, Exzel­len­zen, Magni­fi­zen­zen, Hoch­wür­den, Bür­ger­meis­ter, Refe­ren­ten, Dezer­nen­ten und Assis­ten­ten, hoch­ge­schätz­te Män­ner und Frau­en unse­res Kul­tur­le­bens, Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft, der Wirt­schaft und des selb­stän­di­gen Mit­tel­stan­des, geehr­te Fest­ver­samm­lung, mei­ne Damen und Her­ren!«

Vgl. Chris­ti­an Schüt­ze: Gestanz­te Fest­an­spra­che. In: Stutt­gar­ter Zei­tung, 2. Dezem­ber 1962. Zitiert in: Der Monat, Janu­ar 1963, Heft 160. Zitiert nach: Theo­dor W. Ador­no: Jar­gon der Eigent­lich­keit. In: Gesam­mel­te Schrif­ten. Band 6: Nega­ti­ve Dia­lek­tik. Jar­gon der Eigent­lich­keit. Frank­furt am Main, 1986.


 

Das Umher­schwei­fen in Noti­zen, Lese­früch­ten, Bon­mots, Essays en minia­tu­re, Ein­zel­sät­zen, Frag­men­ten, Kri­ti­ken, Skiz­zen und Apho­ris­men sowie das nicht enden­de Suchen nach neu­en Rich­tun­gen und Wen­dun­gen, kann das Ver­öf­fent­li­chen eige­ner Gedan­ken ver­hin­dern. Ein Ver­lust für die Welt wäre das sicher nicht.


 

About the author

»Ken lives in Bend, Ore­gon with his wife, Tama­ra, and their four daugh­ters (along with two dogs and four hamsters—all fema­le).«

Bei­fall!

Ken Wyts­ma: The grand Para­dox : The Mes­si­ness of Life, the Mys­te­ry of God, and the Neces­si­ty of Faith. Nash­ville, 2015.


 

Wenn Papst Gre­go­ri­us’ klas­si­sche Dik­ti­on zutrifft, nach der Bil­der die Bücher der Lai­en sind, dann zei­gen jene für Mil­lio­nen gekauf­ten nichts wei­ter als die Mani­fes­ta­ti­on des Kapi­tals.


 

Kapitalismus ≠ Essential

Im Euro­pa des 17. Jahr­hun­derts liegt die Wie­ge des Kapi­ta­lis­mus. Neben dem Han­del wur­de die Geld­wirt­schaft zum mas­siv genut­zen Wirt­schafts­zweig. Das Neue war das Modell des »Wirt­schaft­wachs­tums«, das auf der kon­ti­nu­ier­li­chen Aus­beu­tung von Men­sch und Natur beruht. Zwar gab es Aus­beu­tung schon vor dem 16. Jahr­hun­dert. Rei­cher zu wer­den war schon immer ein Ziel des Men­schen – wenn nicht an mate­ri­el­len Din­gen, so an geis­ti­gen. Doch einen Staat zu betrei­ben, des­sen gesell­schaft­li­ch über­ge­ord­ne­tes Ziel dar­in besteht, das Wachs­tum der Wirt­schaft zu for­cie­ren, das war neu. ¶ Heu­te ern­ten wir die Früch­te die­ser Erfin­dung: Men­schen und Natur geben nicht mehr genug her, um sie noch wei­ter aus­zu­beu­ten. Das liegt nicht allein am Wan­del des Kli­mas. Unse­re Welt steu­ert auf den point of no return zu, wenn wir ihn nicht bereits erreicht haben. Wir müs­sen fest­stel­len: Die Poli­tik hat sich von der Zukunfts­ge­stal­tung ver­ab­schie­det. Es geht ihr nur noch um das Erhal­ten und Ver­wal­ten des Sta­tus quo durch das Wei­ter-so. ¶ Auch das Geschäfts­mo­dell der digi­ta­len Welt ver­än­dert nicht die wirt­schaft­li­chen Grund­la­gen. Die Hypes und Trends ver­wi­schen ledig­li­ch die Ursa­chen, len­ken von den Pro­ble­men ab, ver­zö­gern ihre Lösung. Dem User ima­gi­nie­ren sie eine hei­le Welt, die es so nie geben wird. ¶ Es ist nicht nur Zeit, die Fra­ge nach unse­rer Zukunft zu stel­len, son­dern auch zu fra­gen, wel­che Berech­ti­gung wir für unse­re Exis­tenz noch vor­wei­sen kön­nen.


 

App geizgeil

Hallo Plum­boom, das ist eine tol­le Neu­ig­keit. Ich habe selbst­ver­ständ­li­ch sofort den App-Store besucht! Gibt es eigent­li­ch freie Ver­sio­nen für die Betei­lig­ten? Gruß, Brit­ta

Lie­be B., freie Ver­sio­nen gibt es lei­der nicht. Ich kann dir den Pro­mo-Code APP34567 zukom­men las­sen. Ger­ne wür­de ich dann dei­ne Erfah­rung als Testi­mo­ni­al ver­öf­fent­li­chen. Ich bin gespannt. Grü­ße, P.

Lie­ber P., herz­li­chen Dank. Der Pro­mo-Code ist jedoch nur für Kun­den des US Store gül­tig. Also stellt sich die prak­ti­sche Fra­ge, was nun effek­ti­ver ist: Einen US Store-Account zu erstel­len oder 1,59 EUR aus­zu­ge­ben. Grü­ße, B.

Lie­be B., in den letz­ten Tagen stel­le ich immer wie­der mit Erstau­nen fest, dass sich die Welt an gera­de 1 Euro 59 ent­zün­den kann. Ein Betrag, den man­ch einer locker und ohne Nach­den­ken für einen Cof­fee to go oder Big­Mac aus­gibt. Geht es aber um eine App, schei­nen plötz­li­ch ganz ande­re Lebens­re­geln zu gel­ten. Vor­bei mit Spaß und Freu­de auf das Neue, statt­des­sen uner­bitt­li­ches Feil­schen, minu­ten­lan­ges Argu­men­tie­ren um – ja, um was eigent­li­ch? Geiz ist eben immer noch geil … Das mus­s­te jetzt mal gesagt wer­den. Bes­te Grü­ße, P.

Hal­lo P., dei­ne Über­le­gun­gen sind abso­lut kor­rekt, ich unter­schrei­be. Ja, wir haben ein selt­sa­mes Ver­hält­nis zu Geld und Wer­ten ent­wi­ckelt. 1,59 EUR weni­ger auf mei­nem Kon­to wird bestimmt nicht weh tun. Ich wün­sche dir noch einen schö­nen Tag! Herz­li­ch, B.


 

1, 2, 3 und Glück

Im Eng­li­schen ste­hen dem Spre­cher eine Rei­he von Wör­tern bereit, Glück näher zu bezeich­nen: hap­pi­ness, for­tu­ne, bliss, luck oder feli­ci­ty. Im Deut­schen behel­fen wir uns mit den Begrif­fen Glücks­fall, Glück­lich­s­ein oder Selig­keit.

Dar­über, wie man das Glück­lich­s­ein erlan­gen kann, wur­de und wird viel geschrie­ben. Ich amü­sie­re mich immer wie­der ger­ne über Lis­ten. Umber­to Eco sagt: »Man muss unter­schei­den zwi­schen prak­ti­schen und poe­ti­schen, bezie­hungs­wei­se lite­ra­ri­schen Lis­ten. Die prak­ti­sche Lis­te ist die Lis­te von etwas, das außer­halb der Lis­te exis­tiert, und das in einer end­li­chen Anzahl vor­han­den ist.« Hier kommt eine sol­che prak­ti­sche Lis­te mit sie­ben Annah­men, wie das Glücks­ge­fühl zu errei­chen sei:

  • Die Grund­la­ge einer gewis­sen Sicher­heit (bei­spiels­wei­se mone­tär, poli­ti­sch).
  • Tie­fer gehen­de Berüh­rungs­punk­te mit der uns umge­ben­den natür­li­chen Welt und des­sen was wir in ihr sehen, rie­chen, hören und emp­fin­den.
  • Sinn­vol­le Arbeit.
  • Eine Fami­lie oder eine Grup­pe von Men­schen, die uns lie­ben und die auch wir zu tief­st lie­ben.
  • Sti­mu­lie­ren­de Ide­en.
  • Küns­te, die wir fei­er­li­ch erle­ben kön­nen.
  • Zei­ten der Mus­ze, um all die Din­ge wahr­zu­neh­men und uns an ihnen zu erfreu­en.

Vlg. Kath­le­en Dean Moo­re: Wild Com­fort. The Sola­ce of Natu­re. Bos­ton, 2010.